Im Kirchenjahr (annus ecclesiasticus oder annus liturgicus) feiern wir die wichtigsten Geheimnisse unseres Glaubens, die mit dem Leben Jesu Christi in Verbindung stehen. Deswegen spricht man auch vom „Herrenjahr“. Es handelt sich dabei um eine festgelegte Abfolge von Festen, die uns an die Heilsgeschichte erinnern sollen, an den großen Plan Gottes, in den wir mit unserem Leben eingewoben sind. Durch die speziellen Gottesdienste mit den entsprechenden Lesungstexten soll für uns als Gemeinschaft der Nachfolger Christi das Leben Jesu nachvollziehbar werden.
Wenn man ganz kurz etwas über einen Menschen sagen möchte, dann kann man sagen, wann und wie wurde er geboren wurde, was dann so aus ihm wurde und wann und wie er gestorben ist. Die Leitfrage lautet dann: Was waren die Höhepunkte seines Lebens und Wirkens? Das machen wir mit Jesus Christus genauso.
Das katholische Kirchenjahr besteht nämlich im Wesentlichen aus zwei Festkreisen, der Weihnachtszeit (da geht es um die Geburt und die Taufe Jesu) und der Osterzeit (da geht es um Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu). Das sind die Höhepunkte des Lebens Christi. Und wir sehen schon, dass dieser Jesus ein besonderer Mensch war, dessen Biographie das Übliche, ja sogar das Vorstellbare sprengt. Das macht ihn für uns zum Sohn Gottes und entsprechend betonen wir dieses besondere, göttliche Moment auch ganz besonders, indem wir es ganz besonders feiern. Absoluter Höhepunkt ist die Osternacht, denn die Auferstehung ist das zentrale Ereignis. Ohne Auferstehung gäbe es kein Christentum, ohne Auferstehung säßen wir jetzt hier nicht zusammen.
Jeder dieser Festkreise (Weihnachten, Ostern) hat eine Vorbereitungszeit, eine Festzeit und eine Freudenzeit. Die Vorbereitungszeit auf Weihnachten nennt man Advent, die Vorbereitungszeit auf Ostern nennt man Fasten- oder Bußzeit.
Im Advent warten wir auf die Ankunft des Herrn. Vier Wochen lang besinnen wir uns auf die Geburt Christi. Früher war diese Zeit auch eine Fasten- und Bußzeit, heute ist es für viele wohl eher eine Zeit der Vorfreude als eine wirkliche spirituelle Vorbereitung. Weihnachten ist das bekannteste christliche Fest überhaupt, nicht das wichtigste, das ist – wie gesagt – Ostern, ganz klar, aber Weihnachten ist weiter verbreitet. Es wird mittlerweile auch dort gefeiert, wo es sonst keine oder kaum christliche Traditionen gibt, etwa in Japan und China. Weihnachten ist im katholischen Kalender immer am 25. Dezember. In Rom wird seit 330 am 25. Dezember Weihnachten gefeiert. Der Grund für dieses Datum ist die Wintersonnenwende, die immer so um den 20. Dezember erfolgt. Der Gedanke ist dabei der, dass die Inkarnation des Sohnes Gottes die Wende vom Tod zum Leben, von der Finsternis zum Licht einleitet.
Dann geht es im Weihnachtsfestkreis weiter – ich bleibe mal bei den Herrenfesten: Wer geboren wird, hat eine Familie und dieser Heiligen Familie (Maria, Josef, Jesus) gedenkt die Kirche am Sonntag nach Weihnachten oder am 30. Dezember. Wer geboren wird, kriegt auch Besuch, der kommt am 6. Januar in Gestalt der Heiligen Drei Könige (Erscheinung des Herrn). Nächste Station: Taufe, von der Kirche gefeiert am Sonntag nach dem 6. Januar. Damit endet der Weihnachtsfestkreis. Früher gehörte noch das Fest der Darstellung des Herrn im Tempel dazu (2. Februar; „Mariä Lichtmess“).
Dann kommt der Karneval. Am Aschermittwoch ist aber nicht alles vorbei, sondern es fängt etwas an, nämlich die Vorbereitung auf Ostern. 40 Tage Fasten- oder Bußzeit. Die letzten beiden Wochen dieser Fasten- oder Bußzeit nennt man auch Passionszeit. In dieser Passionszeit gedenkt die Kirche der letzten Tage im Leben Jesu, Einzug nach Jerusalem (Palmsonntag), letztes Abendmahl (Gründonnerstag), Kreuzigung (Karfreitag), Grabesruhe (Karsamstag). Dann kommt mit der Osternacht der Höhepunkt des Kirchenjahres. Wir feiern die Mitte unseres Glaubens, wir feiern den auferstandenen Jesus. Wir feiern ihn genauso lange, wie wir vorher gefastet haben, 40 Tage lang, bis zum Fest Christi Himmelfahrt, das deswegen immer auf einen Donnerstag fällt.
So, dann ist er weg. Möchte man meinen. Aber er lässt uns etwas von sich da, nämlich den Heiligen Geist. Und den feiern wir an Pfingsten, genau 50 Tage nach Ostern. Pfingsten ist zugleich der Geburtstag der Kirche. Auch ein sehr wichtiges Fest.
Weihnachten, Ostern, Pfingsten – diese drei Feste kennen auch die evangelischen Christen. Dann aber feiern wir Katholiken eines unserer Sakramente, nämlich die Eucharistie, an einem besonderen Tag, Fronleichnam. Ein sehr buntes und sehr volkstümliches Fest, mit Prozessionen, meist bei schönem Sommerwetter. In Berlin regelmäßig auf dem Bebelplatz vor der St. Hedwigs-Kathedrale.
Zwischen dem Weihnachts- und Osterfestkreis gibt es viele weitere Feste: Herrenfeste (etwa der 25. März, die Verkündigung des Herrn, genau neun Monate vor Weihnachten, als Erinnerung an die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria, der 14. September, das Fest Kreuzerhöhung oder auch der letzte Sonntag im Kirchenjahr, das Christkönigsfest, wo wir Christus als den vollendeten Weltenrichter feiern, bevor es dann wieder losgeht mit dem ersten Advent).
Aber auch viele Marienfeste, die für uns Katholiken eine besondere Bedeutung haben, liegen über das Jahr verteilt. Zum einen begehen wir im Mai und Oktober Marienmonate, in denen besonders das Rosenkranzgebet gepflegt werden soll. Die wichtigsten Marienfeste sind der 1. Januar (Hochfest der Gottesmutter Maria), der 15. August (Mariä Himmelfahrt) und der 8. Dezember (Mariä Empfängnis, das Fest der ohne Erbsünde empfangenen – nicht empfangenden! – Maria; auf diese Reinheit – nicht etwa auf die biologische Konstitution – bezieht sich auch die Bezeichnung „Jungfrau“).
Ja, und dann gibt es noch viele Heilige zu feiern, etwa die Apostel, besonders Petrus und Paulus (29. Juni), aber auch Josef, der Mann Mariens (19. März), Johannes der Täufer (24. Juni), der Verkünder des Herrn, oder auch Martin (11. November) oder – ganz bekannt – Nikolaus (6. Dezember). Jeder Kontinent, jedes Land, jede Stadt hat einen Schutzpatron und jede Kirche hat ebenfalls ein Patronat. Heute haben wir z. B. Konrad von Parzham gedacht in unserer St. Konrad-Kirche. Und weil das so viele sind, so viele Heilige, gibt es noch das Fest Allerheiligen am 1. November.
Das als ganz kurzer Überblick über das Kirchenjahr.
Euer Josef